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Im Angesicht des Verbrechens


Dies ist der momentan beste Dramatiker Europas: Simon Stephens' "Three Kingdoms" in München uraufgeführt

Eine weiße Taube fliegt durch die Münchner Kammerspiele. Sie säuselt zärtlich: "Fuck!" Ein schöner Schlaks - fliegengewichtiger noch als David Bowie zur besten Berliner Heroinzeit - singt "La Paloma", die Jahrhundertmelodie, einst angestimmt von Hans Albers und Freddy Quinn, das schwüle Lied harter Männer. Gleich wird dieser Knochenjunge mit der Mädchenstimme, grandios gegeben von Risto Kübar, eine Nutte gegen die Wand klatschen. So ist das im uraufgeführten Mafia-Epos "Three Kingdoms" des erstaunlichen Simon Stephens, jüngst zu Recht zum fremdsprachigen Dramatiker des Jahres gewählt: Die eine poetische Hand wäscht die andere brutale.

Eine abgeschmackte Metapher erklärt Bücher zum "Kopfkino". Es ist Zeit, den Begriff zu entstauben. Ist das hier noch Theater, dieses dauerdröge Ding, das vermeint, die Welt zu suchen, wo es doch oft so zielstrebig an ihr vorbeigeht? Oder ist das schon der blutige Schnittpunkt von Arte und dem US-Premiumsender HBO - "Im Angesicht des Verbrechens" trifft "The Wire"? Stephens' Stück legt sich wie ein Ring um Europa, genauer: ein Frauenhändler-Ring. Die makabere Reise geht von London über Deutschland nach Estland. Am Anfang steht ein abgesägter Kopf. Er gehört einem leichten Mädchen, das es schwer hatte, Vera Petrova. Am Ende steht ein Londoner Polizist (Neil Tennant), der gleichfalls den Kopf verliert. Freilich im übertragenen Sinne. Das schmälert den Schrecken kaum.

"Was hast du mit deinen Händen gemacht, Tommy?" ist die Frage, mit der Tennant als Inspektor Stone den Abend eröffnet. Aus zwei Gründen stecken Tommys Hände in Bandagen: Weil man ihn am Wickel hat und weil er gar kein Mensch ist. Er ist ein Exemplar der gar nicht mal so seltenen Kreuzung von armem Schwein und kleinem Fisch. Für 100 Pfund, die ihm ein Fremder bot, hat er die Reisetasche mit Vera Petrovas Kopf in die Themse geworfen.

Die Jagd beginnt. Aus dem Verhörverlies wird sie durch miese Ganoven-Apartments führen, durch schäbige Hotelzimmer, durch die Ruinen von Inspektor Stones Ehe, durch Porno-Sets, wo die bestrapsten Akteure sich Baseballschläger in den Hintern rammen, bis Blut die Wand herunterrinnt. Vor allem aber ist es eine Jagd ins Herz der Finsternis, das so weiß ist wie die Taube. "Seemann, gib acht! Denn strahlt auch als Gruß des Friedens, hell in der Nacht das leuchtende Kreuz des Südens, schroff ist das Riff und schnell geht ein Schiff zugrunde. Früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde", heißt es in "La Paloma", dem Taubensong. Der ominöse Hintermann, dessen Identität erst im finalen Fieberrausch gelüftet wird, sodass man ihr nicht wirklich trauen kann, nennt sich "The White Bird".

Regisseur Sebastian Nübling ist der Simon-Stephens-Versteher des deutschen Theaters. "Three Kingdoms" ist seine fünfte Uraufführungs-Arbeit mit dem Engländer. Sie dürfte die ambitionierteste sein. Drei Theater kooperieren dafür - das NO99 in Tallinn und das Londoner Lyric Hammersmith Theatre. Im September ging sie in Estland über die Bühne, jetzt ist München dran, im Mai folgt England. Das Ensemble ist entsprechend international. Den deutschen Kripomann spielt zum Beispiel Steven Scharf mit lasziver Virilität. Sein Zehn-Euro-Haarschnitt-Billigschuhe-Lederjacken-Bulle gibt sich anfangs jeden Anschein einer Fernsehkrimi-Karikatur. Bald schon schillert er zwischen dämlich und diabolisch und sprengt damit den Rahmen noch des breitwandigsten Flatscreen-TVs. Seine Beatles-Zertrümmerung - er singt und tanzt den schrägsten "Rocky Raccoon" aller Zeiten - bekommt Szenenapplaus.

Nübling hat verstanden, dass die realistischste Kraft des Theaters die Fantasie ist. Genauer: das Traumriff, an dem die Wirklichkeit zerschellt. "Es besteht ein Hunger nach Authentizität", befindet am Ende der furchtbare White Bird. "Und die liefern wir." Das ist die beste Selbstbeschreibung eines abgrundtief großartigen Abends.

Jan Küveler, Welt Online, 18.10.2011